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ETHISCHE FRAGEN
Gebärmutterentfernungen und Eierstockentfernungen werden häufig durchgeführt, auch bei nicht bösartigen Erkrankungen, obwohl diese Operationen bekannterweise lebenslange Konsequenzen für die betroffene Frau und auch deren Partner haben.
Nicht selten wird Frauen, die sich im vollsten Vertrauen an die Fachleute wenden, mit Krebs Angst gemacht und sie dadurch zu Totaloperationen überredet, ohne sie über schonendere Operations- und Behandlungsmethoden, die es ja dank der modernen Technik und Forschung gibt, aufzuklären.
Besonders bei Frauen nach den Wechseljahren werden oft gleich die gesamten weiblichen Geschlechtsorgane entfernt. So als ob eine Frau, die älter als 50 Jahre ist, diese nicht mehr benötigen würde.
Und das obwohl die Frauen und deren Partner und Kinder oft nicht über die möglichen Konsequenzen des Organverlustes Bescheid wissen, wenn sie diese dann am eigenen Leib spüren müssen, ist es zu spät, denn diese Operationen sind irreversibel, und die Aufgaben dieser Organe können durch nichts mehr vollständig ersetzt werden.
Wird man als kleines Mädchen mit diesen Organen geboren, damit sie nach der Lebensmitte oder womöglich sogar schon früher, dem Skalpell zum Opfer fallen dürfen?
Werden diese Organe nur zum Kinderkriegen respektiert?
Und das obwohl man schon lange über die Bedeutung von Gebärmutter und Eierstöcken, genauso wie der von Hoden und Penis für die gesamte Gesundheit Bescheid weiß.
Muss man demnach in einem westlichen Staat zur Kenntnis nehmen, dass die weiblichen Geschlechtsorgane für die Medizin nicht dieselbe Wertigkeit haben, wie die männlichen, und die körperliche, seelische und sexuelle Gesundheit der Frau nicht denselben Stellenwert haben, wie die eines Mannes?
Weshalb wird im deutschsprachigen Raum in Zusammenhang mit der beidseitigen Eierstockentfernung das Wort Kastration nicht verwendet, obwohl es sich dabei um eine handelt? Im Französischen wird sehr wohl von der
"castration chirurgicale" gesprochen ...
Hätte nicht jede Frau und ihre Familie das Recht genauestens darüber Bescheid zu wissen, welch schwerwiegender Eingriff tatsächlich an ihrem Körper vorgenommen wird?
Warum gibt es bei uns noch immer die verbreitete Lehrmeinung Ovarektomien und auch Hysterektomien (auch diese allein können hormonelle Ausfallserscheinungen zur Folge haben) würden kaum Probleme machen und das obwohl es sich um Organverlust handelt, die Totaloperation den gesamten Stoffwechsel (inkl. so wichtige Organe wie Hypophyse, Schilddrüse, Nebenierenrinde) betrifft und die Hormontherapie bekannterweise unzureichend und äußerst umstritten ist, und die genauen hormonellen Abläufe und deren tatsächlichen Auswirkungen im weiblichen Körper gar nicht vollends erforscht sind?
Von den sexuellen Auswirkungen ganz zu schweigen ...
Und das obwohl jedermann durch die moderne Kommunikationstechnik Zugriff zu internationaler Fachliteratur hat ...
Obwohl man durch Forschungen der modernen Sexualmedizin weiß, wie das Lustempfinden der Frau beim Sexualakt zustande kommt- abgesehen von den komplizierten hormonellen Abläufen - Eierstöcken und Hypophyse - ist bereits bekannt, dass im Inneren des Frauenkörpers, für das Auge unsichtbar - vor dem Höhepunkt Eierstöcke, Eileiter und Gebärmutter anschwellen, diese schwingt sogar beim Sexualakt (beim Orgasmus zieht sie sich bis zu 15mal zusammen) mit - werden Frauen und deren Partnern, trotz dieser Erkenntnisse oft missinformiert, indem ihnen glaubhaft gemacht wird, dass trotz Verlust dieser Organe auch das Sexualempfinden gleich bleiben würde.
Unter "Krebspatientin und Sexualität" des Krebsforschungszentrums Heidelberg findet man eine leicht verständliche Schilderung dessen, was im weiblichen Körper beim Sexualakt vor sich geht:
Wie soll denn der Sexualakt dann praktisch funktionieren, wenn nicht mit einem Empfindungsverlust für die Frau, da ja keine Organe, mehr da sind? Von möglichen Nervenverletzungen oder Scheidenverkürzungen nach diesen Operationen ganz zu schweigen.
Ist man tatsächlich noch immer so naiv zu glauben, dass Hormonspritzen, Pillen oder Pflaster die Funktion eines menschlichen Organes 100%ig ersetzen könnten und dass betroffene Frauen nicht körperlich spüren würden, dass gewisse Organe fehlen?
Jedes Organ des menschlichen Körpers vermisst man körperlich und seelisch, und da sollen ausgerechnet die weiblichen Geschlechtsorgane die Ausnahme sein?
Weshalb wird oft kein Unterschied zwischen natürlicher "Menopause" bzw. "Wechseljahren" und dem medizinischen Fachbegriff "chirurgischer Menopause" oder "surgical menopause" gemacht?
Und das obwohl die medizinische Fachliteratur diese Begriffe sehr wohl auseinanderhält und auf die Problematik der "chirurgischen Menopause" (siehe Rubrik Fachliteratur) eingehend hinweist.
Warum wird Patientinnen immer wieder gesagt, dass Ovarektomien auch in jungen Jahren normalerweise keine Probleme machen würden? Und dass es ganz problemlos sei sie auf die passenden Hormone einzustellen?
Warum wird Patientinnen oft nicht geglaubt, dass die chirurgische Menopause und das Einstellen auf die passenden Hormonpräparate mit ganz erheblichen Beschwerden und unerträglichen Zuständen einhergehen kann?
Und das obwohl gerade die chirurgische Menopause laut Fachliteratur für ihre teils gravierenden Folgen für Körper und Psyche bekannt ist.
Warum wird Patientinnnen immer wieder gesagt, dass auch Hysterektomien alleine nie Probleme verursachen können? Wenn dann doch Probleme wie Inkontinenz oder Empfindungsverlust im Unterleib auftreten sollten, so wird das nicht immer in Zusammenhang mit der Operation gesehen und der Patientin oft gar nicht geglaubt, vor allem was das Sexualempfinden betrifft!
Wenn die Patientin weiter auf ihr Beschwerdebild hinweist, wird ihr möglicherweise als Lösung der Gang zum Psychiater nahegelegt....
Und das obwohl es bereits seit Jahren in vielen Ländern sogenannte "support groups" (Unterstützungsgruppen) bei chirurgischer Menopause als auch für Frauen mit Problemen nach Hysterektomien gibt.
Müßten Patientinnen laut Patientenrecht nicht genauestens über all diese Risiken, wie die Fachliteratur sie beschreibt und wie betroffene Frauen dies berichten, aufgeklärt werden?
Oder werden Frauen ihre Empfindungen auf diesem "urweiblichen" Gebiet nicht geglaubt und ihnen die Urteilsfähigkeit ihren Körper und ihre eigene Sexualität betreffend abgesprochen, noch dazu wo der Großteil der Gynäkologen Männer sind, die diese Organe nicht besitzen ...?
Würden Männer, ihre Geschlechtsorgane betreffend, so behandelt werden, bzw. würden sie sich das überhaupt gefallen lassen?....
Würde man es jemals wagen, einem Mann nach Entfernung der Hoden ein Hormonpräparat in die Hand zu drücken und ihn ohne jegliche psychologische Betreuung allein mit dieser Situation zu lassen? Wenn dieser dann körperliche, seelische und große sexuelle Probleme hat, ihm nicht zu glauben und ihm obendrein zu sagen, seine Probleme seien nicht körperlicher Natur sondern nur im Kopf und er möge sich doch nicht so sehr mit seinen männlichen Organen identifizieren?
Weshalb werden Frauen in Krankenhäusern nicht darüber informiert, dass bei Verlust der weiblichen Geschlechtsorgane altersabhängig ein Versehrtenstatus gewährt wird?
Müßte laut Patientenrecht nicht jede Patientin diese wichtige Information erhalten ?
Weshalb ist es möglich dass manche Staaten weniger Hysterektomien durchführen als andere sogar innerhalb Europas?
Funktioniert nicht jede Europäerin von der Biologie her gleich?
Sind in manchen europäischen Staaten die weiblichen Geschlechtsorgane mehr wert als in anderen?
(Muss man da historische Zusammenhänge oder gar wirtschaftliche annehmen oder wie ist das sonst erklärbar?) -siehe Rubrik Ethik
Wer überprüft und stellt sicher, dass die neuesten Erkenntnisse an den Universitäten so rasch wie möglich an ÄrztInnen und StudentInnen weitergegeben werden und somit den PatientInnen zugute kommen?
Wer überprüft und stellt sicher, ob nach den neuen Erkenntnissen der Medizin und Forschung auch in der Praxis immer gehandelt wird?
Weshalb wird nach der Entfernung von Eierstöcken auch heute noch immer der Begriff "Menopause" verwendet?
Die natürliche Menopause dauert Jahre und ist die langsame Reduzierung der Produktion von Östrogen. Die Eierstöcke arbeiten bis ins hohe Alter der Frau, das heißt sie sind hormonell aktiv.
Daher kann das Wort Menopause, Wechsel oder Klimakterium in Zusammenhang mit einer endgültigen Entfernung der Keimdrüsen ja nur als "Oxymoron" bezeichnet werden - das ist ein Ausdruck der in sich ein Widerspruch ist.
Die Frage wäre also, warum ist das so?
Diese Verharmlosung von chirurgischen Eingriffen im weiblichen Unterleib (auch wenn sie notwendig sind).
Warum werden die Fachbegriffe in Zusammenhang mit der Kastration nicht ordnungsgemäß angewandt, doch nicht etwa um glaubhaft zu machen, die Folgen einer Kastration seien so natürlich, wie die Menopause, die jede Frau durchmacht?
Oder behauptet man auch bei einem Mann, dem krankheitshalber die Hoden entfernt werden mussten, er würde sich nun in der Menopause befinden, wie alle anderen Männer ab einem gewissen Alter?
Warum findet man in der englischen und französischen Fachliteratur (siehe Rubrik Fachliteratur international)eine viel detailliertere Beschreibung der "künstlichen Menopause" mit all ihren physischen psychischen und sexuellen Auswirkungen als im Großteil der deutschsprachigen Literatur? Gerade in der deutschsprachigen Literatur wird die künstliche Menopause oft mit der natürlichen auf eine Stufe gestellt und kaum oder selten auf die möglichen gravierenden Folgen eines chirurgischen Eingriffes premenoapausal eingegangen.
Vereinfacht ausgedrückt muss man tatsächlich zur Kenntnis nehmen, dass hierzulande jede Frau ihre Gebärmutterentfernung und sogar einen so schweren chirurgischen Eingriff wie ihre Kastration zu vertragen habe, wenn nicht so sei ihre Psyche schuld .... ?
Und das obwohl man sich immer mehr bemüht den Menschen auch in der Medizin ganzheitlich zu sehen und das Wort "gender" schön langsam an Bedeutung gewinnt ...
Vor den Operationen werden diese Eingriffe sehr oft verharmlost, und über die tatsächlich möglichen lebenslangen Folgen kein Wort verloren ... Die Betroffenen stimmen dann beruhigt den Eingriffen zu.
Nach den Operationen wird den Betroffenen und ihren Angehörigen keine Nachbetreuung angeboten, da diese Operationen, wie ihnen vermittelt wird, keine ernstzunhemenden Folgen hätten ... außer manchmal ....
Die Betroffenen sehen sich dann zusehends mit einem breiten Unwissen bezüglich der weiblichen Endokrinologie und Sexualität konfrontiert und werden von einem Fachmann zum anderen geschickt - wo ihnen möglicherweise gesagt wird, die Nebennierenrinde würde alle fehlenden hormonellen Funktionen ersetzen...., für die nun unbefriedigende Sexualität hätten sie ja eh noch die Klitoris - und es gäbe auch Gleitmittel ... und die psychische Komponente... na ja .... die dann notwendigen etwaigen Psychotherapien dürfen die Betroffenen dann aus eigener Tasche bezahlen ...
Dadurch fühlen sich die Betroffenen alleingelassen, unverstanden, als Frauen gedemüdigt und wehrlos ...
Entsprechen eine derartige Behandlung von Frauen und Ignoranz gegenüber den biologischen Abläufen im Frauenkörper den wissenschaftlichen Erkenntnissen unseres aufgeklärten Zeitalters und den Menschenrechten?
Prinzipielle Fragen und Überlegungen -
kurz und vereinfacht zusammengefasst:
eine Frau darf einer prophylaktischen, irreversiblen Kastration unterzogen werden, ohne dass sie vorher von der Tatsache ihrer eigenen Kastration erfährt ...?
Ein schwerer Sexualstraftäter darf nicht kastriert werden, da dies ein Verstoß gegen die Menschenrechte ist ...
Bei einer Sterilisation musste früher sogar der Ehepartner sein Einverständnis geben, bei der viel schwerwiegenderen Kastration seiner Partnerin wird er heutzutage nicht auf die Konsequenzen die Partnerschaft betreffend verpflichtend hingewiesen...?
Eine Frau muss ihre Kastration vertragen, wenn nicht, ist sie ein Fall für den Psychiater, da man argumentiert, dass die meisten Frauen ihre eigene Kastration tatsächlich unbeschadet erleben würden ...?
Und das, obwohl es keine weiträumigen Studien hierzulande über die tatsächliche Lebensqualität nach diesen Operationen gibt, vor allem da die Folgen der Kastration von Frauen mit den Wechseljahren gleichgesetzt werden ... sozusagen ein natürlicher Vorgang? ...
Ist diese Tatsache nun ein medizinisches oder eher gesellschaftspolitisches Problem?
Untersuchung zur gesundheitlichen Situation
von Frauen in Deutschland.
Eine Bestandsaufnahme unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Entwicklung in West- und Ostdeutschland
im Auftrag des
Bundesministeriums für Jugend, Familie, Senioren und Frauen
Berlin im Dezember 1999
...Der Abschnitt ‚gynäkologische Operationen - erhellt eine weitere wichtige Dimension gynäkologischen Krankseins: In mehr als der Hälfte (60-80%) aller Krankenhausfälle erfolgte ein operativer Eingriff. Diese sind für die Frauen in der Regel mit seelischen, körperlichen und sozialen Belastungen verbunden. Besonders belastend wird es, wenn der Eingriff mit einem Organverlust ein hergeht, wie dies bei der Hysterektomie (Gebärmutterentfernung) oder auch der Entfernung der Eierstöcke
der Fall ist.
Wie viele Frauen davon betroffenen sind, dazu gibt es auch heute noch keine verläßlichen Daten. Die Qualitätssicherungsstudie gibt nur ein Rankingergebnis an, demzufolge die Hysterektomie gegenwärtig die vierthäufigste Operation ist. Vor ihr liegen die Ausschabungen und die Brusttumorextirpation (gutartig) und hinter ihr, an zehnter Stelle, steht die Konisation.
Zu den Indikationen, die zur Entfernung der Gebärmutter oder der Eierstöcke führen, zur Radikalität des Operierens oder auch dem befundlosen Organverlust, einer für Frauen besonders dramatischen Situation, fehlen die Daten. Hier besteht noch ein erheblicher Forschungsbedarf.
Eine weitere prinzipielle Frage, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängt, wäre, mit welchem Recht, ohne vorherige genaueste Aufklärung, so massiv in das Leben von Frauen und deren Partnern eingegriffen werden darf, nämlich auch bei nicht bösartigen Erkrankungen.
Denn die Partnerschaften sind nach diesen invasiven Operationen nicht selten in Gefahr an den gesundheitlichen, seelischen und sexuellen Folgen zu zerbrechen.
Ein interessantes Detail am Rande ist, dass die Gebärmutter noch immer als "hysteria" bezeichnet wird, da man im 19. Jhdt. fälschlicherweise glaubte, dieses Organ verursache schwere Hysterie! Durch diese Irrmeinung wurde damals die Gebärmutterentfernung eine "Modeoperation"...
Mehr als 100 Jahre später hält man diese falsche Bezeichnung der Gebärmutter in medizinischen Kreisen noch immer aufrecht...
Haben Frauen und ihre Partner nicht das Recht einzufordern, dass im 21. Jahrhundert die Erkenntnisse der modernen Endokrinologie, Urologie, Neurologie, Sexualmedizin und Psychologie (denn genau diese Fachgebiete sind bei gynäkologischen, invasiven Operationen mitbetroffen) in die Gynäkologie aufgenommen und miteinbezogen werden?
Warum hat sich also bis dato keine einzige Frauenorganisation wirklich mit Nachdruck und längerfristig mit den möglichen leidvollen Konsequenzen von gynäkologischen Operationen, auf politischer Ebene auseinandergesetzt und eine umfassende Aufklärung und eine liebevolle Nachbetreuung der Frauen und deren Partner dazu eingefordert?

