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Interviews mit Betroffenen


Vedral, Johanna (1997):

Subjektive Krankheitstheorien von Frauen mit nicht karzinom-bedingter Hysterektomie. Diplomarbeit, Universität Wien


Frauen sprechen offen über die Folgen der Gebärmutter- und Eierstockentfernung im Rahmen von Interviews für eine Diplomarbeit

 

Frau, von Beruf Hebamme, nach ihrer Totaloperation:

 

Il: Im Beruf ist das nicht so leicht, Gefühle zu zeigen?

 

Ip: Ich war ja mit den Frauen sehr viel allein, also habe ich sehr wohl Gefühle zeigen können, aber nur Gefühle, die andere betroffen haben und nicht, was mich selbst betroffen hat. Ich habe mich riesig gefreut, wenn eine schöne Geburt war, aber es war auch sehr viel Neid im Hintergrund, den Neid habe ich mir lange nicht zugeben getraut. Der Neid hat erst in den letzten zwei Jahren aufgehört. Ich arbeite jetzt schon fünf Jahre nicht mehr als Hebamme. Ich habe es nicht mehr ausgehalten, es war unmöglich. Ich habe derartige Aggressionen auf die Frauen gekriegt - nach der Operation - überhaupt, wenn ich bei einer gespürt habe, sie will das Kind nicht - daß ich mir gedacht habe, ich will nicht eine von diesen grauslichen Hebammen werden, von denen es heißt: "Die ist hantig, die ist bitter!". Das war für mich der Zeitpunkt, aufzuhören.

 

Il: Wie lange nach der Operation haben Sie diesen Entschluß gefaßt?

 

Ip: Im Juli bin ich operiert worden, und im Jahr darauf im Oktober habe ich aufgehört. Es ist einfach nicht mehr gegangen, weil ich den Frauen gegenüber so aggressiv war.

 

Il: Die Operation hat ja Ihr Leben ziemlich umgekrempelt, so wie Sie das beschreiben?

 

Ip: Ja, und ein Jahr später sind die ersten Ahnungen vom sexuellen Mißbrauch in der Kindheit aufgetaucht. Ich glaube, das hat die Operation mitbewirkt. Es war ja nicht so einfach, damit umzugehen. Das wenigste war, keine Regel mehr zu haben, es war die ganze hormonelle Umstellung, die für mich fürchterlich war. Ich habe nicht mehr schlafen können, ich hatte Alpträume. Das war alle fast nicht zu ertragen. Ich habe mich als wertlos empfunden, habe mich kaum mehr einen Mann ansprechen getraut, was ich vorher nie Schwierigkeiten hatte. Ein paar Tage nach der Operation ist es mir so gegangen, daß ich dort im Krankenhaus in das Buffet gegangen bin, und es sind einige Männer alleine bei Tischen gesessen. Ich habe sonst nie Schwierigkeiten gehabt, mich wo dazuzusetzen, und da bin ich hin, und ich wollte mich zu einem jüngeren Mann setzen, da ist es plötzlich wie eine Mauer vor mir heruntergefallen - du bist ja nicht mehr vollwertig - und ich habe mich nicht mehr hingetraut. Das hat mich so beeinflußt, ich habe mich dann immer mehr zurückgezogen.

 

Il: So wie Sie das beschreiben, bringen Sie die Operation mit nachfolgenden Depressionen und daß es Ihnen nachher schlecht gegangen ist, in Zusammenhang?

 

Ip: Ja, es ist mir sehr schlecht gegangen.

 

Il: Vorher waren Sie noch nie in psychologischer oder psychiatrischer Behandlung?

 

Ip: Ich habe immer wieder Psychopharmaka genommen, weil ich nicht habe schlafen können, aber das war halt so, das ist alles so nebenbei gegangen. Aber später habe ich das nicht mehr nebenbei bewältigen können. Das war so bei dem Turnusdienst, wenn ich einmal nicht habe schlafen können, Zugang zu den Medikamenten habe ich ja jederzeit gehabt. Das war ja das wenigste. Irgendwann bin ich dann draufgekommen, was ich mir eigentlich antue. Mit dem Bewußtwerden von dem...was ich mich lange nicht hinschauen getraut habe, immer weiter weggewischt, bis es dann nicht mehr gegangen ist, bis es stärker war als ich. Und jetzt befasse ich mich seit mehr als dreieinhalb Jahren mit dem sexuellen Mißbrauch, merke jetzt über sechs Jahre nach der Operation immer noch den Zeitpunkt, wann ich die Regel kriegen sollte. Die Gebärmutter geht mir nicht mehr ab. Nur - wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich lieber an Nierenversagen oder so etwas sterben, als daß ich mich noch einmal operieren lasse. So war im Rückblick dieser ganze Eingriff.

 

Il: Ich möchte Ihnen noch weitere Fragen stellen. Und Sie sagen mir bitte - das gilt natürlich für jede Frage - wenn Sie die nicht beantworten wollen, sagen Sie mir das bitte. Ich bin nicht in Therapieausbildung...

 

Ip: Ich mache eine Therapie, und ich habe gelernt, auf mich aufzupassen.

 

Il: Ich möchte Ihnen auch nicht zu nahe treten...

 

Ip: Das kann ich schon sagen. Ich will aber, daß das unbedingt unter die Frauen kommt. Das ist mit eine Motivation, vielleicht bewahrt es einige Frauen vor dem...

 

Il: Wie Sie mir beschrieben haben, hat Ihr Arzt gleich vorgeschlagen, daß Sie an der Gebärmutter operiert werden, weil Sie Zysten an den Eierstöcken hatten. Das sollte gleich in einem gehen?

 

Ip: Daß das gleich in einem geht - und falls bei der Gebärmutter noch irgend etwas auftritt...weil sich ja dann in einen so vernarbten Bauch ja kaum jemand mehr hineinschneiden traut. Aus operationstechnischen Gründen.

 

Il: Das klingt für mich so, als wäre der Arzt davon ausgegangen, daß bei Ihnen sowieso ein Organ nach dem anderen krank werde aufgrund Ihrer gynäkologischen Geschichte...

 

Ip: Ja. Der Bauch muß ja so vernarbt gewesen sein durch die vielen Entzündungen, daß ich wirklich...Der Operateur hat gesagt, er habe über fünf Stunden an mir gearbeitet. Es ist irgendwie gerechtfertigt vom technischen Standpunkt her. Aber sonst nicht.

 

Il: Nun ist die Frage, wie groß wäre die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung der Gebärmutter gewesen? Ist das zur Diskussion gestellt worden?

 

Ip: Absolut nicht. Es ist eigentlich so dargestellt worden, na ja, wenn da noch etwas ist, in den Bauch kann man nicht mehr hineinschneiden, man kann nicht mehr sehr viel machen - und brauchen tun Sie die Gebärmutter ja nicht mehr. Das war so wie ein Gebrauchsgegenstand, wie ein altes Paar Schuhe, das man weglegt.

 

Il: Haben Sie Informationen darüber gekriegt, was für Folgen die Operation haben kann?

 

Ip: Nein. Ich war medizinisch bestens aufgeklärt, aber was die Psyche dabei mitmacht und wie das weitergeht - keine Ahnung. Ich habe geglaubt, das geht alles so im Vorbeigehen. Ich habe genug Frauen erlebt, die operiert worden sind, die nach außen hin keine Probleme gehabt haben. Nur - bei der ganzen Arbeit war ja nicht die Zeit, sich mit einer Frau länger zu beschäftigen.

 

Il: Die Aufklärung war also rein medizinisch?

 

Ip: Ja. Ich glaube nicht, daß ein Arzt so eine Beratung machen kann. Das wäre etwas von Frau zu Frau. Da hat der Arzt gar keinen Platz. Der kann mit seinen medizinischen Begriffen herumwerfen, es ist ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis da, und - ich habe mich ja fragen getraut, was den medizinischen Standpunkt betroffen hat - und psychisch, da hätte ich gerne mit einer Frau darüber geredet, aber ich habe keine gefunden.

 

Il: Das klingt für mich, als wären Sie mit Ihrem Gynäkologen nicht zufrieden?

 

Ip: Absolut nicht.

 

Il: Haben Sie sich schon einmal einen anderen gesucht?

 

Ip: Ach, ich kenne genug Gynäkologen. Den, bei dem ich vorher so lange war, wollte ich wechseln, weil er nicht einsehen wollte, daß ich das Einpflanzen des Hormonkristalls am gynäkologischen Stuhl einfach nicht aushalte. Mir ist das immer wie eine Vergewaltigung vorgekommen, auf diesem Stuhl draufzuliegen. Dann war ich bei einem anderen, der hat immer wieder betont, daß ich eine mündige Patientin sei und daß er es gut fände, daß ich immer wieder frage und daß ich ihn auch anrufe und sage, was mir nicht paßt...Und irgendwann war ich auch wieder wegen des Hormonkristalls bei ihm, und...Erst hat er mich zwei Stunden warten lassen. Dann ist er gekommen und hat sehr müde ausgesehen, und dann hat er gesagt, er fühlt sich nicht wohl dabei, wenn er mir den Hormonkristall gibt, er würde mir vorschlagen, das Gynodian zu spritzen. Da ist bei mir etwas ausgerastet. Ich habe mir gedacht, er fühlt sich nicht wohl, was glaubt er eigentlich, was bei mir ist, ich bin schon so lange im Krankenstand wegen Depressionen, bei Gynodian weiß man, daß es Depressionen auslösen und verstärken kann...Was glaubt der eigentlich? Ich habe dann alles weitere, was er noch gesagt hat, gar nicht mehr mitgekriegt, ich bin dann weg, habe mir überlegt, wie ich mich am schnellsten umbringe...Und irgendwann, weil die U-Bahn abrupt gebremst hat, bin ich dann wieder zu mir gekommen und habe dann nach einem Gynäkologen gesucht, der mir den Hormonkristall sofort wieder gibt. Ich habe eine wahnsinnige Wut auf den Arzt gehabt, habe ihm geschrieben, ich habe nie Antwort gekriegt. Ich verstehe einfach nicht - zuerst die mündige Patientin - und dann plötzlich diejenige, die man mit irgend etwas abspeisen kann...

 

Il: Ehrlicher wäre es gewesen, er hätte gesagt, ich bin müde, ich will heute nicht mehr...

 

Ip: Genau! Das wäre ehrlich gewesen - aber nicht, er fühlt sich nicht wohl dabei, wenn er mir den Kristall gibt? Und ich habe so oft als Hebamme erlebt, was dabei rausgekommen ist, wenn die Ärzte gesagt haben, sie fühlen sich nicht wohl, wenn sie für die Frauen etwas tun müßten, was der Wille einer Frau war...Wenn sie einer Frau Recht geben müßten? Da ist bei mir etwas ausgerastet. Ich habe wieder mit dem anderen Gynäkologen Kontakt aufgenommen - jetzt kriege ich den Kristall auf der Liege. Und wie ich das letzte Mal bei ihm war, ist ihm einer von diesen beiden Kristallen hinuntergefallen, und er hat angefangen, ja, am gynäkologischen Stuhl wäre mir das nicht passiert. Und ich müsse halt mit einem Kristall auskommen, aber ich werde eh keine Beschwerden haben...Und so werden einem aufkeimende Gefühle von allen ausgeredet, als Frau darf man nicht sagen, ich fühle mich nicht wohl dabei...Ich kenne keinen Gynäkologen, keinen Mann, der zugibt: Ich war jetzt ungeschickt, mir ist das passiert. Das ist kein Malheur - aber es geht einfach immer um das.

 

Il: Um Machtgeschichten...

 

Ip: Ja, das sind so Machtgeschichten. Und ich habe jetzt die Absicht, wenn ich das nächste Mal wegen dem Kristall hingehe - ich nehme mir einen dritten mit - und dann werde ich ihm sagen: Warum wollen Sie mir etwas einreden, was gar nicht stimmt? Und ich habe recherchiert - den Hormonkristall setzen in Wien nur Männer ein, das ist eine Männerdomäne. Es ist im Grunde genommen eine Penetration, und es ist Macht dabei. Ich fühle mich mit dem Kristall wohl, habe so ca. 3 Monate Ruhe und ich muß nicht jeden Tag etwas schlucken. Es ist eine gewisse Art von Unabhängigkeit. Ich behaupte, 5o% der Gynäkologen haben ein ungelöstes Mutter-Sohn-Problem. Sie wollen der Frau, unbewußt der Mutter zeigen, ich bin ja doch der stärkere. Die Geschichte der Hebammen ist ja sehr interessant. Die Männer können die Frauen deshalb unterdrücken, weil sie von ihnen gelernt haben, wie die Geburtshilfe geht. Jetzt ist es bei uns genau umgekehrt - jetzt bringen die Männer den Frauen bei, wie sie zu fühlen haben, wie sie die Geburt machen sollen,... Ich habe auch als Hebamme auf der Gynäkologie gearbeitet. Ein Erlebnis: Bei einer Frau, die in psychiatrischer Behandlung war, ist festgestellt worden, daß sie Gebärmutter- und Brustkrebs hat. Sie wollte sich nicht operieren lassen, ist aber dann vom Gericht entmündigt worden, der Operationstermin ist festgesetzt worden, und sie hat an einem Tag zwei große Operationen gehabt, Gebärmutter und Eierstöcke und die rechte Brust weg. Sie hat so lange vorher gebeten... Es hat mir wehgetan, zuzuschauen, wie sie vorbereitet worden ist und wie gnadenlos der Chef mit ihr umgegangen ist. Und zehn Tage nach der Operation ist sie mühevoll jämmerlich gestorben. Es haben alle gewußt, daß nichts mehr zu machen ist, es war für die Wissenschaft, man hat ja was lernen können daran. Das ist etwas, was ich nie mehr vergessen werde. Es ist etwa zehn Jahre her.


(Interviewleiterin spricht das "gefährliche Spital" an)


Ich bin einmal gefragt worden, wo ich am liebsten entbinden würde, wenn ich ein Kind bekommen würde. Zuerst habe ich gesagt, die Frage stellt sich für mich nicht...Ich würde ganz allein zuhause still und leise entbinden, und ich würde niemanden an mich heran lassen...

 

Il: Die Hebamme auch nicht?

 

Ip: Die vielleicht. Nur keinen Arzt. So groß ist mein Zutrauen zu den Ärzten.

 

Il: Das klingt nicht gut, wenn Sie in diesem Beruf gearbeitet haben...

 

Ip (zur Skala Beeinflußbarkeitserwartungen):
Der zweite Standpunkt. Ich kann, wenn es bösartig wird, nicht verhindern, daß die Gebärmutter entfernt werden muß. Aber ich kann sehr wohl so leben, daß die Gebärmutter nicht krank wird. Es gibt sehr viele Naturheilmittel, autogenes Training und die Beschäftigung mit der Gebärmutter, daß man wirklich nicht krank werden muß.

 

Il: Haben Sie vor der Operation Befürchtungen gehabt, ob sich diese vielleicht auf Ihr Sexualleben auswirken könnte?

 

Ip: Nein. Ich habe sehr wenig Kontakte gehabt. Ich habe durch Schilddrüsenprobleme immer wieder Kontaktblutungen gehabt. Das Schilddrüsenpräparat wirkt sich auf die Gebärmutter aus. Es war immer wieder ein Schock, wenn ich während dem Geschlechtsverkehr bemerkt habe, es fängt an zu bluten. Das war für mich teilweise ein Hinderungsgrund.

 

Il: Hatten Sie auch Schmerzen?

 

Ip: Nein, Schmerzen hatte ich von den Eileitern aus, die tun dauernd weh, eine chronische Entzündung.

 

Il: Hatten Sie vielleicht die Vorstellung, daß das nach der Operation besser werden könnte?

 

Ip: Nein.

 

Il: Wie ist es Ihnen im Krankenhaus ergangen?

 

Ip(seufzt):Wie ich in den ersten paar Tagen das Auftreten der ersten Wallungen gespürt habe, hatte ich keine Ahnung, was das sein könnte. Ich habe geglaubt, ich habe Fieber. Mit den Schwestern bin ich dort auf Kriegsfuß gestanden, v.a. mit der Stationsschwester. Das hat sich so ausgewirkt: Sie ist gekommen, hat mir erklärt, ich hatte ihr gesagt, ich hätte gern etwas gegen die Schmerzen. Sie hat mir erklärt, der histologische Befund ist da, und ich fragte, wie er sei. Ich weiß nicht, hat sie die Frage gehört oder überhört, sie hat jedenfalls gefragt, was ich wolle. Ich habe gesagt, Enalgon-Tropfen, sie hat gesagt, das kriegten nur die schwersten Karzinome. Sie hat mir nicht gesagt, wie der histologische Befund ist...Ich habe geglaubt, ich springe beim Fenster raus. So war das Verhältnis sehr gespannt, dann war das eine Ausweichstation der Gyn, der Chirurgie, es war kein Bidet da. Durch den Ausfluß war ich ganz wund, es hat gebrannt, es war unangenehm, ich habe es bei der Visite gesagt. Es hieß, sie sollten mir ein Sitzbad herrichten. Und da habe ich gemerkt, daß das von den Schwestern mit Unwillen gemacht worden ist, beim Dienstübergeben sind sie durchgegangen, und eine Schwester hat gesagt: "SIE kriegt Sitzbäder, obwohl sie keine vaginale hat." Das war einfach unerfreulich. Eine Krankenpflegeschule war auch dabei. Da war so eine Beschreibung über Patienten, und diese Beschreibung habe ich einmal in die Hand gekriegt, meine eigene, und da hat ein 17jähriges Mädchen eingetragen, ich jammere die ganze Zeit und wäre hysterisch...Und ich habe mir gedacht, die weiß ja gar nicht, welche Operation ich hatte...Ich hatte Schmerzen, hatte sowieso Medikamente und habe nur zwischendurch etwas verlangt, und dann wurde ich noch als hysterisch hingestellt...Und da dachte ich mir, so schnell wie möglich will ich nach Hause. Und ich bin am 11.Tag nach der Operation nach Hause. Am Anfang hieß es, ich müßte 3 Wochen bleiben. Ich habe mich aber nach 8 Tagen zum Friseur geschleppt, der zum Glück im Haus war, habe mich geschminkt und ein Kasperltheater abgezogen, im Krankenzimmer, bei der
Visite, so daß der Primarius gesagt hat, ich kann am nächsten Tag zur Untersuchung kommen, und er wird schauen, ob ich schon gehen kann. Ich habe mich mühsam hingeschleppt, habe die Zähne zusammengebissen, als er mich untersucht hat, weil es wahnsinnig weh getan hat, er sagte, es verheile schön, ich könne nach Hause. Ich habe es in dem Krankenhaus einfach nicht mehr ausgehalten.

 

Il: Das klingt nicht so, als wären Sie dort gut gepflegt worden...

 

Ip: Ich bin.. Pflege? Unter Pflege verstehe ich etwas anderes.

 

Il: Glauben Sie, daß Sie u.a. so behandelt wurden, weil sie wußten, daß Sie eine Hebamme sind?

 

Ip: Ja, sicher. Es war mit dieser Stationsschwester von Anfang an kein gutes Gefühl, kein gutes Zusammenkommen, und sie haben immer geglaubt, sie müßten mir was beweisen. Als Konkurrenz war das...Ich war ein paar Wochen später dort zur Nachuntersuchung und habe mit einer der Hebammen geredet, und ich habe ihr das mit den Enalgon-Tropfen erzählt, auch das von den Schwesternschülerinnen. Der netteste von allen war der Pfleger, der ohne ärztliche Anweisung das Bidet für mich hergerichtet hat, der hatte mehr Gefühl für die Frauen als die Schwestern, für die war das eine Belastung. Dann waren noch so Situationen - vormittags um 11 war Visite, ich habe das wegen den Wallungen gesagt, und auch gesagt, daß ich Blasenkrämpfe habe. Am Abend vor der Visite habe ich die Schwester gefragt, warum ich denn nichts kriege, hat die Schwester gesagt, sie kriegen das erst morgen, weil der Spiegel immer gleich sein muß - und dann ist eine Ärztin gekommen zur Abendvisite und hat mich gefragt, wie es mir mit den Medikamenten gehe, da habe ich geagt, das könne sie mich erst morgen fragen, weil ich nicht wisse, wie der Spiegel morgen sei. Dann hatte ich die Medikamente sehr schnell. Das war eine ungute Situation. Ich habe darunter gelitten. Dann war noch etwas. Die Nacht, bevor ich nach Hause gegangen bin, war neben mir eine Frischoperierte, auch mit der Gebärmutter, die hat um halb eins geläutet, sie möchte gerne etwas gegen Schmerzen haben, und die Schwester hat gesagt, sie bringt ihr was. Eine Stunde später hat sie immer noch nichts gebracht, und die Frau hat wieder geläutet, und die Schwester hat gesagt, sie hat keine Zeit. Ich hatte Enalgon-Zäpfchen und habe gesagt, wenn Sie mich nicht verraten, gebe ich Ihnen was. Die war sehr froh, erst um zwei hat sie ein Zäpfchen gekriegt, das hat sie dann aufgehoben, und in der Früh um fünf hatte sie wieder Schmerzen. Ich habe ihr gesagt, sie müsse läuten, weil sie sonst draufkommen, daß ich ihr was gegeben habe. Die Schwester hat gesagt, sie solle bis um 8 warten, weil sie dann eine Infusion bekomme. Und ich sagte: Jetzt nehmen Sie das! Ich war eine Belastung für die Schwestern, ich war heilfroh, wieder heim zu können.

 

Il: Sie waren den Schwestern scheinbar zu informiert und haben sich nicht alles gefallen lassen...

 

Ip: Ja, ich war nicht demütig genug(lacht).

 

Il: Haben Sie seit der Operation neue körperliche Beschwerden?

 

Ip: Im hormonellen Zusammenhang?

 

Il: Ja, das auch.

 

Ip: Ich habe im Auftreten der Erinnerung an den sexuellen Mißbrauch eine Scheidenentzündung nach der anderen bekommen, die ich selber mit Joghurt behandelt habe. Ich dachte, ich tue mir das nicht mehr an, daß ich den Ärzten etwas davon sage.

Il: Das bringen Sie in einen direkten Zusammenhang mit der Operation?

 

Ip: Ja. Ich mache eine Tanztherapie, und da haben wir so eine Art Bauchtanz gemacht, und drei Tage später hatte ich eine Scheidenentzündung, und das ist der Zusammenhang, das ist ganz typisch, das da was herauskommt. Ich habe auch bei dem Bauchtanz schon bemerkt, daß im Becken eine gewisse Lähmung ist. Das soll ja jetzt alles heraus, das will ich ja bald los sein(lacht).

 

Il: Sicher, wenn Sie so viele Unterleibsoperationen hatten...

 

Ip: Ja. Ich habe auch nach diesem Bauchtanz Brustbeschwerden gehabt. Ich bin zweimal wegen Mastopathie operiert worden, und...die Gebärmutter kann nicht mehr aufschreien, weil sie nicht mehr da ist, also meldet sich die Brust. Ja, da ist ein Aufschrei, aber mit der ganzen Therapie wird es weniger, mit dem, daß ich anfange, mich wirklich ernst zu nehmen und mich zum Teil wertvoll schätzen kann. Daß ich sage, was mit mir als Kind passiert ist und all die Jahre, daß das...daß ich dadurch an Wert nichts verloren habe, sondern vielleicht den Wert gesteigert habe.

 

Il: Nachdem das in einer kritischen Lebensphase war, ist das ein Thema, das Sie lange beschäftigt.

 

Ip: Ja. Und jetzt nehme ich mir die Zeit dazu. Es ist mir egal, wie es passiert, ich nehme mir die Zeit dazu. Am Arbeitsamt ist ein Psychologe, der mich vor fünf Jahren gesehen hat, wie ich als Hebamme aufgehört habe. Mit dem habe ich jetzt telefoniert, weil mir die Krankenkassa nahegelegt hat, ich solle vorübergehend für eine Berufsunfähigkeitspension einreichen. Ich habe das gemacht. Laut Pensionsversicherung bin ich so gesund wie sonst niemand, war dann bei einer Neurologin, die hat gesagt, ich solle vorübergehend ein Medikament nehmen. Um nicht zu lügen, öffne ich die Kapsel, mache eine Gabelspitze feucht und nehme das, was auf der Gabelspitze hängen bleibt. Und ich habe mit dem Psychologen vom Arbeitsamt telefoniert. Er hat gesagt, er habe damals, obwohl er nicht gewußt hatte, welcher Hintergrund ist, sich Notizen gemacht. Eine der Notizen war: wenn sie nicht anfängt, in nächster Zeit für sich zu sorgen, ist der Zusammenbruch unaufhaltsam. Und das hat mir sehr zu denken gegeben, Schluß aus, es ist wirklich Zeit, daß ich für mich sorge. Man kann nicht ewig nur für andere da sein.

 

Il: Das, was Sie mir erzählt haben, erinnert mich sehr an die aus der Literatur bekannten Phänomene bei sexuell mißbrauchten Frauen - wie z.B. daß sie sich einen helfenden Beruf suchen, um die eigenen Probleme damit zu überdecken, die psychosomatischen Erkrankungen...

 

Ip: Ja. Die psychosomatischen Beschwerden haben sich bei mir teilweise manifestiert, mit dieser Schilddrüsenerkrankung. Es ist jetzt so, daß ich rundherum am Kämpfen bin, aber ich kämpfe für mich, nicht mehr für andere. Z.B. hatte ich am AKH in der Schilddrüsenambulanz Diskussionen, wo ich sagte, ich lasse mir nicht den Hals angreifen, ohne daß ich vorher gefragt werde. Das wurde nicht akzeptiert. Dann habe ich dem Chef von der Abteilung geschrieben. Der hat mir zur Antwort gegeben: Diese ganzen Beschwerden...Ich muß das Präparat weiter nehmen, damit man das Übergewicht kontrollieren kann. Dann habe ich ihm geschrieben, daß ich sehr wütend bin darüber, daß ich sehr wohl die Hintergründe kenne, die das alles ausmachen, und daß ich wahrscheinlich erst dann abnehmen werde, wenn meine innere Lähmung vorbei ist. Nicht vorher. Daß das Gewicht ein Schutz ist, mit dem ich von mir selber ablenken will. Ich habe geschrieben, daß ich gefragt werden will, bevor man mich angreift, ich will einfach ernstgenommen werden. Und seitdem klappt es. Aber es ist einfach immer ein mühsamer Kampf. Ich merke, ich kann immer noch nicht direkt sagen, wenn mir etwas unangenehm ist, immer erst ein paar Stunden später.(beschreibt das Briefeschreiben als Aggressionsabbau, formuliert mehrere Versionen, bis es klar ist. Umgang mit Verletzungen).

 

Il(spricht die Probleme im Umgang mit unsensiblen Gynäkologen an)

 

Ip: Mir hat früher ein Gynäkologe gesagt, weil ich immer wieder über Migräne geklagt habe: Das ist die Krankheit der unbefriedigten Frauen. Und ich habe ihm dann gesagt: Ja - und wann haben Sie Zeit für mich? Ich bin dann nicht mehr hingegangen. Ich habe mir gedacht: So ein Trottel! Was glaubt der eigentlich? Auch im Beruf habe ich mit den Gynäkologen jede Menge erlebt. Ich habe über 16 Jahre als Hebamme gearbeitet - ich habe in dieser ganzen Zeit vielleicht zwei Gynäkologen kennengelernt, von denen ich sagen kann, die sind in Ordnung.

 

Il: Sind Frauen da menschlicher?

 

Ip: Ich habe in der Geburtshilfe erlebt, die Frauen am Rücken liegend, und ich habe sie immer wieder aufgehetzt und gesagt: Fragt den Chef, warum ihr am Rücken liegen bleiben müßt. Ihr braucht dafür eine Begründung. Nach der 5.oder 6.Frau hat der Arzt dann gesagt: Legen Sie sich hin, wie Sie wollen. Das war ihm zu mühsam, für alles eine Erklärung zu finden.

 

Il: Die einzige Erklärung wäre in diesem Fall, daß es für den Gynäkologen bequemer ist.

 

Ip: Ja. Ich glaube, wenn ich wieder in Ordnung bin...Ich möchte irgendwann wieder mit Frauen arbeiten. Auf die Art und Weise, daß ich schüren werde, laßt Euch das alles nicht gefallen. Und der Arzt MUSS Antwort geben.