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ERFAHRUNGEN


Tabu


Eine kastrierte Frau

Sie feiert heute ihren zweiten Geburtstag als kastrierte Frau. Eigentlich ist sie 43 Jahre alt, doch sie lebt nun schon zwei Jahre ohne Eierstöcke. Diese wurden wegen gutartiger Zysten mit dem Skalpell entfernt. Frau könnte sonst ja eines Tages Krebs bekommen! Wie lebt frau ohne ihre eigenen Geschlechtsdrüsen? Sie lebt mit Hormonen, die sie in der Apotheke kauft...

 

Der Regen fällt. Der Himmel hat seine Schleusen geöffnet, gleich wie an jenem Tag als sie ins Krankenhaus ging, um sich operieren zu lassen. Sie ist eine verantwortungsvolle, selbstbewusste, beruflich erfolgreiche, stolze Frau! Man hatte ihr gesagt, dass ihr Eierstock mit der Zyste ein Damoklesschwert sei, und dass sie an ihre Tochter denken müsse. Sie nimmt ihre Verantwortung als Mutter sehr ernst. Sie erinnert sich an jenes Gefühl des drohenden Unheils als sie das Krankenhaus betritt. Sie erinnert sich an den Operateur, dem sie voll vertraut hatte. Sie erinnert sich an den sterilen Operationssaal. Sie erinnert sich an ihre grenzenlose Angst und an die Tränen, die ihr über die Wangen laufen, als man ihr die Narkosespritze gibt. Sie sieht, einen Tag nach der Operation, das entsetzte Gesicht ihrer 13-jährigen, einzigen Tochter wieder, als sie vor der Toilette des Krankenzimmers kollabiert. Sie erinnert sich an ihr Erschrecken als sie das Blut im Urin sieht und spürt die stechenden Schmerzen im Unterleib wieder. Sie kann nach drei Tagen nach Hause gehen ... In der Verwandtschaft meint man: „Na endlich hast Du es machen lassen, ich an Deiner Stelle hätte mich schon viel früher operieren lassen, denn wenn die sagen raus damit, na, dann raus!“


Zwei Monate nach der Operation wird ihr bis dahin glückliches Leben zu einem Drama. Ihr Körper reagiert mit massivem Schwindel, Kopfschmerzen, Schüttelfrost und Übelkeit auf den Hormonentzug. Ihre Augen füllen sich immer wieder mit Tränen und eine tiefe, nie zuvor gekannte Traurigkeit legt sich auf ihr Gemüt. Schon das erste Hormonpräparat verträgt sie nicht. Nun will man ihr deshalb Psychopharmaka verordnen! Dies lehnt sie ab. Verzweiflung übermannt sie. Warum, um Gottes Willen, hatte sie dieser Operation zugestimmt? Aber man hatte ihr doch vor der Operation gesagt, sie brauche gar keine Angst zu haben! Warum war sie jetzt die Ausnahme? Die Zustände werden von Tag zu Tag schlimmer, ein Albtraum beginnt Realität zu werden. Sie geht noch ein paar Mal zu den Ärzten, die ihr die Operation geraten hatten: Krebsprophylaxe, Verantwortung gegenüber ihrer Tochter! Der erste Arzt blickt sie an wie eine Verrückte, als sie sagt, dass sie partout keine Psychopharmaka nehmen werde. Auf ihre Klagen, dass ihr seit der Operation die Brust schmerze und sie keinen Orgasmus mehr habe, meint er, so viele Frauen hätten Brustschmerzen, so viele Frauen keinen Orgasmus. Eine Ärztin fragt, ob sie denn den Mann gewechselt und deshalb jetzt Probleme mit der Libido habe…, und dann: „Migräne, Schwindel und Übelkeit kommen nicht von den fehlenden Hormonen, deren Ursache liegt immer im Kopf selbst - zuerst kommt die Psyche und dann erst der Körper!“ Sie erinnert sich an die unzähligen Tage, an denen sie so tut, als ob alles normal wäre. Sie erledigt mechanisch ihre Einkäufe, den Haushalt, fährt zur Arbeit. Sie versucht mit aller Kraft niemanden merken zu lassen, dass sie den Zustand, in den man sie versetzt hat, eigentlich nicht mehr ertragen kann. Und doch erträgt sie den Schwindel, die unendliche Müdigkeit, die Kopfschmerzen, die Übelkeit. Sie will vor allem nicht, dass ihre Tochter sie weinen sieht. Doch es gelingt nicht immer. Ihr Mädchen schaut sie mit angsterfüllten Augen an: „Mama, warum hat man ausgerechnet Dir das angetan? Musst Du jetzt etwa sterben?“ „Ach, mein Engel, wo denkst Du hin, ich bleibe doch bei Dir! Ich werde bald wieder gesund!“ Sie erinnert sich an die vielen traurigen Situationen wo sie versucht, so zu tun, als ob nichts geschehen wäre, als ob sie funktionieren und empfinden würde wie vor der Operation. Doch es gelingt nicht! Sie war immer eine starke Partnerin gewesen, nun muss ihr Mann sie fast täglich moralisch aufrichten. Sie schämt sich dafür.

 

Sie erinnert sich, dass sie anfangs versucht hat ihm im Bett etwas vorzuspielen. Doch da sie sich schon 20 Jahre kennen, kann sie ihm nichts vormachen. Sie erinnert sich an ihr verzweifeltes Schluchzen, als sie ihm gestehen muss, dass sie beim Berühren ihrer Brustwarzen nichts mehr empfindet, dass sie auch kein angenehmes Kribbeln im Bauch mehr spürt, ihr Körper nicht mehr mit Lust reagiert, wenn er ihre erogenen Zonen am Unterbauch berührt... Nach jedem liebevollen Beisammensein bricht sie in Tränen aus, sie kann das nicht mit dem Kopf steuern, die Trauer um die verlorene Sexualität kommt ganz tief aus ihrem Inneren, und der Kopfpolster muss die zahlreichen Tränen auffangen. Sie erinnert sich an ihren Seelenschmerz, wenn sie an die vielen glücklichen Jahre denkt, in denen sie ihren Mann mit jeder Faser ihres Körpers spüren konnte, wo ihr Körper auf seinen antworten konnte. Sie weiß jetzt: das ist Vergangenheit! Sie schlägt ihrem Mann sogar vor, er möge sich eine neue Frau suchen. Sie will ihrem Mann sich selbst nicht mehr antun. Doch er hält sie fest in seinen Armen und tröstet, so gut er kann...Vor dem Einschlafen weint sie aus Verzweiflung, beim Aufwachen weint sie vor ohnmächtiger Wut, dass sie niemanden zur Verantwortung ziehen kann außer sich selbst. Sie zermartert sich das Hirn, warum sie in diese Operation eingewilligt hat. Aber sie wusste ja nicht, was ein Leben ohne Eierstöcke bedeutet. Niemand hat ihr das gesagt! Sie hat es auch nicht in der Schule gelernt. Wer weiß schon über solche Dinge Bescheid? Sie erinnert sich an die vielen Gespräche mit ihren Freundinnen, die keine Ahnung haben, wie sie ihr helfen können und selbst darüber fassungslos sind, was hier geschehen ist. Sie erinnert sich an die vielen verschiedenen Hormonpräparate, die man ihr zum „Einstellen“ gegeben hat. Aber ihr Magen und ihr Darm akzeptieren diese Präparate nicht. Sie erinnert sich an die vielen Scheideninfektionen seit der Operation und ihre verzweifelten Versuche Ärzten und Ärztinnen klar zu machen, dass es eben nicht so einfach, wenn nicht gar unmöglich ist, eine Frau hormonell einzustellen. „Wieso, bitte, vertragen Sie denn die Hormone nicht, das ist doch dasselbe wie Aspirin!“ „Nebenwirkungen hat jedes Medikament! Seien Sie doch nicht so empfindlich!“ Sie versucht immer wieder zu erklären, dass ihr von den künstlichen Hormonen so entsetzlich übel sei, dass sie sich wegen der Blähungen schäme, dass der Kopfschmerz sie an den Rand des Wahnsinns treibe. „Jede Frau ist einstellbar“, eine junge Ärztin schaut sie mit verständnislosem Blick an. Da erfasst sie hilflose Wut, und sie erwidert provokant: „Ich bin schließlich ein Mensch und kein Dieselmotor!“ Sie versucht gestikulierend darauf hinzuweisen, dass die Nebenwirkungen, von denen sie spricht sogar auf den Beipackzetteln der Hormonpräparate vermerkt sind ... Die Ärztin hört nicht mehr zu. Sie meint nur noch: „Da Sie so wütend sind, wäre es besser, Sie auf ein Beruhigungsmittel einzustellen - dann geht es Ihnen wieder gut!“ „Aber Frau Doktor, haben Sie denn Ihre Eierstöcke noch? „Natürlich, wo denken Sie hin!“ „Ja, aber dann können Sie ja gar nicht ahnen, wie ich mich fühle; was meinem Körper abgeht!“ Die Ärztin entgegnet mit strenger Stimme: „Andere vertragen diese Operation auch! Also steigern Sie sich nicht hinein und übertreiben Sie nicht so! Übrigens, Sie waren immer eine so nette Person, nun kann man aber gar nicht mehr vernünftig mit Ihnen reden!“ Den letzten Satz unterstreicht die Ärztin mit einem bedeutsamen Lächeln. Sie blickt diese Ärztin mit müdem Blick an, ihre Augen füllen sich mit Tränen, ihr ganzer Körper zittert. Nein, sie wird nicht beginnen loszubrüllen, sie bleibt ruhig, sie sagt nichts mehr, denn sie darf keine Schwäche zeigen! Mein Gott, in was ist sie da hineingeraten!


Sie weiß nicht mehr, wie sie dieses grausame Schicksal ertragen soll. Sie geht in die nächste Kirche und betet nach vielen Jahren erstmals wieder zum lieben Gott. Sie bittet ihn inständig um Hilfe. Er möge sie doch zu sich nehmen! Sie sehnt sich nach dem absoluten Ende. Sie erinnert sich an den letzten verzweifelten Versuch die Hormone nicht mehr mit Tabletten, sondern mittels Hormonpflaster dem geplagten Körper zuzuführen. Ein Jahr nach der Operation weiß sie, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wird, sollte es auch mit diesem Präparat nicht klappen. Sie ist am Ende ihrer Kräfte. Der liebe Gott würde ihr verzeihen. Doch es funktioniert. Ihr Körper akzeptiert das Pflaster besser als die Tabletten. Schwindel und Kopfschmerzen lassen nach. Sie schöpft neue Hoffnung, und sie beschließt weiterzuleben. Aber auch das Hormonpflaster zeigt bald Nebenwirkungen. Es juckt auf der Haut und sie leidet an derart massivem Ausfluss, dass sie erschrickt. Sie muss nun Slipeinlagen tragen, und oftmals am Tag spürt sie eine Flüssigkeit aus ihrer Scheide rinnen, die Gott sei Dank - wenigstens nicht riecht. Aber sie hasst das, diese ständige Feuchtigkeit, denn nie zuvor in ihrem Leben hatte ihr Körper so reagiert. Sie hasst das Spannungsgefühl auf ihrer Haut, wo das Pflaster nun tagaus, tagein klebt und die Haut reizt. Sie ist oft unsagbar müde. Sie fühlt sich selbst entfremdet, vor allem dann, wenn der Schwindel sie erfasst und eine unsichtbare Zange ihren Kopf zusammendrückt. Sie spürt sich anders also vor der Operation, sie riecht anders, sie fühlt anders. Die Menstruationsblutungen dauern nun oft über 10 Tage und sind schmerzhaft. Manchmal fließt zwischendurch bräunliche Flüssigkeit aus der Scheide. Es ist sehr schwierig, einen funktionierenden Menstruationszyklus künstlich herzustellen. Aber sie ist auf das Hormonpflaster angewiesen, klebt sie es nicht, kommt der grobe Kopfschmerz wieder. Sie weiß, sie hat keine andere Wahl. Sie stürzt sich in Arbeit um nicht nachdenken zu müssen. Sie lebt wie eine Schauspielerin, die ihr eigenes Leben spielt. Im Fernsehen läuft gerade ein Film, eine Liebesszene. Ihr wird wieder einmal schmerzhaft bewusst, wie sehr ihre Seele um ihre verlorene Sexualität trauert. Tränen steigen ihr in die Augen, sie muss sich abwenden. Sie muss sich nun sogar abwenden, wenn sie eine schwangere Frau sieht, denn deren Anblick führt ihr das eigene brutale Schicksal vor Augen. Jeden Tag wundert sie sich von neuem, was eine Frau eigentlich alles aushält. Sie erinnert sich an den Moment als sie im Internet das Wort „Eierstockentfernung“ in die Google Suchmaschine eingibt und plötzlich das Wort Kastration auftaucht. Was? KASTRATION? Aber es folgen bloß veterinärmedizinische Seiten zu Kastration von Hündinnen und Katzen. Von Tierschützern wird in einigen Berichten beklagt, dass sich ihre vierbeinigen Lieblinge nach der Kastration so schwer erholen, dass sie nicht nur fett, sondern auch inkontinent geworden sind. Berichte über kastrierte Frauen findet sie aber nicht. Natürlich! Wie Schuppen fällt es ihr von den Augen! Die beidseitige Eierstockentfernung ist Kastration, bei Tieren, wie bei Menschen! Sie holt das Lexikon, hier steht es schwarz auf weiß! Sie versteht die Welt nicht mehr! Sie springt auf, schreit und brüllt. Sie kann jetzt schreien und brüllen, denn sie ist allein zu Hause und sie braucht nicht auf die Familie Rücksicht zu nehmen. Sie schlägt sich immer wieder mit der Hand auf die Stirn, solange bis der Kopf zu schmerzen beginnt. Wie konnte sie bloß so dumm sein, sie hatte es einfach nicht kapiert, dass ihr Chirurg sie kastrieren würde?! Sie schreit so lange bis ihr die Stimme versagt. Die Tränen rinnen in Strömen aus ihren Augen, Ekel vor sich selbst steigt in ihr hoch - sie hat sich wie eine Hauskatze kastrieren lassen - und es nicht einmal mitbekommen! Sie kann es nicht begreifen! Sie kauert sich auf den Boden und weint leise vor sich hin. Sie umschlingt ihre Knie und wiegt sich hin und her, als ob sie hoffen würde, die monotone Bewegung lindere ihren Schmerz.


Sie hätte doch das Recht gehabt, zu erfahren, dass man an ihrem Körper eine KASTRATION vornehmen würde! Sie lebt doch im 21. Jahrhundert! Menschenrechte gibt es auch! Verzweifelt sucht sie im Internet weiter. Immer wieder gibt sie den Begriff „Kastration“ ein. Aber nichts Brauchbares. Dann versucht sie es mit der englischen Schreibweise „castration“. Da öffnet sich schließlich eine amerikanische Website - „independent women health organization“: Mit wachsendem Erstaunen sieht sie hier ihre eigenen körperlichen Beschwerden, von ebenfalls betroffenen Frauen, in Prozentsätzen genau aufgelistet. Sie kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, als sie liest, dass die Organisation Unterstützung anbietet. Es gibt also doch auch andere Frauen auf der Welt, die ihre Kastration nicht vertragen! Sie liest weiter ... Sie erfährt, dass es manchen Frauen nach ihrer so genannten “Totaloperation“ teilweise noch viel schlechter geht als ihr selbst. Es gibt Frauen mit verkürzter Vagina; es gibt Frauen, denen nach dieser Operation die Haare ausfallen; es gibt Frauen, die nach der Kastration in psychiatrische Behandlung müssen oder mit Tranquilizern ruhig gestellt werden; es gibt Frauen, die seit der Operation Gedächtnisschwierigkeiten haben. Auch die Probleme mit der Hormonersatztherapie sind beschrieben, und auf deren Gefahr für den weiblichen Körper wird hingewiesen. Sie lacht auf - dieses Lachen ist voller Bitterkeit! Sie muss erst über eine amerikanische Website erfahren, dass die körperlichen und seelischen Folgen einer Kastration oft genug Frauenleben zerstören können. „Bilaterale Ovarektomie“: so schön lateinisch, verharmlosend ausgedrückt! Weiters muss sie erfahren, dass das Wissen um die äußerst wichtige Funktion der Eierstöcke, sowohl für den weiblichen Stoffwechsel, als auch für eine gesunde Libido und Sexualität, zwar in der Fachliteratur zur Genüge vorhanden ist, aber trotzdem oft ignoriert wird. Eine große, scheinbar nicht zu durchdringende Mauer des Schweigens, der Unwissenheit und Ignoranz umgibt dieses Thema ... Es wird öffentlich darüber nicht gesprochen. Anscheinend wird es nicht einmal an Universitäten ausreichend behandelt. Niemand interessiert sich dafür! Es wird ignoriert: TABU! Sie schreibt zaghaft ein E-Mail an die amerikanische Organisation und bittet um Hilfe. Und wirklich: schon nach zwei Stunden wird ihr geantwortet: „Please don’t give up! You are not alone!“


Sie freut sich das erste Mal seit langem wieder richtig. Die Schicksalsgenossin in Amerika weiß genau wovon sie spricht, wie es ihr geht. Sie bekommt nun täglich ein E-Mail voll lieber unterstützender Worte. Sie setzt sich jedes Mal sofort an den PC und antwortet. Sie hatte in der Schule acht Jahre Englisch gelernt, das kommt ihr nun zugute. Die englischen Wörter sammeln sich in ihrem Kopf und bilden wie von Zauberhand Sätze, ihre Finger gleiten in Windeseile über die Tastatur. Es ist, als ob sie Lieder komponieren würde. Sie schreibt und schreibt und schreibt. Ihr ganzer Schmerz wir per Internet über den Atlantik geschickt. Mit Herzklopfen und der Freude eines kleinen Kindes wartet sie auf die Mails aus Amerika. Sie hat eine ältere, weise Freundin gefunden, die mit ihr wie eine liebevolle Mutter umgeht. Weitere Kontakte über E-Mail folgen. Betroffene Frauen versuchen auf diese Art andere Frauen vor der Kastration zu warnen: „Be aware! Speak out and spread the word!”


Sie muss sich neue Hosen kaufen. Die vom Vorjahr passen ihr nicht mehr, da sie begonnen hat an Gewicht zuzulegen. Dabei war sie immer so stolz auf ihre jugendlich schlanke Figur gewesen. Nun hat sie gepolsterte Hüften, einen großen Bauch und ihre ehemals kleinen Brüste sind auch gewachsen. Durch die Kastration ändert sich unter anderem auch der Fettstoffwechsel. Das weiß sie nun auch. Voll Ekel blickt sie sich im Spiegel an. Der Popo, wo das Hormonpflaster klebt, ist voller Pickel. Ein Stringtanga kommt jetzt wohl nicht mehr in Frage! Auch ihr einst so schönes, kastanienbraunes Haar hat seit der Operation begonnen grau zu werden! Die Langzeitfolgen der Kastration sind schleichend, wie Gift, das langsam, aber sicher wirkt. Sie erinnert sich auch an ihre Verzweiflung, als sie erstmals in ihrem Leben ihr Konto überziehen muss, weil nun die vielen Untersuchungen und Therapieversuche eine Menge Geld verschlingen. Sie erinnert sich an den Anruf vor einer Woche und an die grenzenlose Freude als sich nun eine ebenfalls kastrierte Frau bei ihr meldet. Ihre Telefonnummer hat diese Frau über die amerikanische Hilfsorganisation bekommen. Sie telefonieren zwei Stunden miteinander. Es tut so gut, mit jemandem sprechen zu können, der dasselbe Schicksal erleiden muss. Sie fragt bange: „Wird der grausame Zustand denn jemals besser?“ Ihre neue Freundin sagt: „Ich warte nun schon fünf Jahre! Ich bin noch immer weit davon entfernt, mich so zu fühlen wie vor der Operation! Das kann sich ja kein Mensch vorstellen!“ „Nein, dieses Grauen glaubt einem wirklich kein Mensch!“ Es herrscht ein paar Minuten betretenes Schweigen zwischen beiden. „Aber wir lassen uns nicht unterkriegen, nicht wahr? Wir sind Kämpferinnen!“ „Wie gehst Du mit der Ignoranz der Gesellschaft zu diesem Thema um?“ Ihre Freundin antwortet: „Tja, die ist wirklich schwer zu ertragen!“ „Was ist mit Deiner Sexualität seit der Operation?“ „Da ist jetzt „tote Hose“, ich habe eine verkürzte Vagina ...“ „Wie reagiert Dein Mann?“ Er ist sehr lieb und verständnisvoll, aber auch sehr traurig.“ „Meiner auch!“ - Wieder betretenes Schweigen zwischen beiden. Sie hört, wie ihre Freundin am anderen Ende der Telefonleitung schluchzt, und sie spürt den Seelenschmerz, der jede Zelle ihres Körpers durchdringt. „Bitte, weine nicht ...! Du bist mit Deinem Schicksal nicht allein!“ „Wie reagiert denn Deine Ärztin auf Dein Leid?“ „Sie sagt, ich solle nicht immer das schreckliche Wort Kastration verwenden!“ „Ja, warum denn nicht? Da es eine Kastration ist, wirst Du es ja wohl auch als solche bezeichnen dürfen! Man darf ja auch Zuckerkrankheit sagen und nicht nur Diabetes!“ „Nein, meine Ärztin sagt, das sei gänzlich unüblich - und ich solle nicht ständig übertreiben und mich als Frau nicht nur über meine Ovarien identifizieren ... Ich habe ihr geantwortet, dass ich ohne diese Organe jetzt nicht mehr gesund bin, dass das nichts mit Identifikation zu tun hat, sondern wohl ein Stoffwechselproblem ist! Aber diese Ärztin redet ständig von Wechselbeschwerden, obwohl sie als Fachfrau weiß, dass die Eierstöcke nach dem natürlichen Wechsel der Frau und auch im Alter, ihre Grundfunktion beibehalten! Sie verharmlost meine Beschwerden ständig und ich glaube mittlerweile, sie will mich nicht verstehen. Ich habe ihr auch gesagt, dass meine Mutter sich noch vor ein paar Jahren nicht getraute das Wort „Scheide“ in den Mund zu nehmen, es war ihr viel zu peinlich! Unsere Generation darf jetzt das Wort „kastriert“ für Frauen ohne Eierstöcke nicht verwenden, damit niemand sich der Kastration bewusst wird und die Betroffenen auch noch glauben, sie seien selber schuld an ihren gesundheitlichen Problemen! Außerdem leben wir in einer Zeit, in der man überzeugt ist, alles sei „machbar!“ „Hast Du ihr auch das Buch gezeigt, in dem Frauen von ihren leidvollen Erfahrungen nach Kastrationen sprechen?“ „Ja, aber die Ärztin hat gemeint, in diesem Buch werde polemisiert und emotional übertrieben!“ „Mein Gott, wo leben wir denn eigentlich? Wie soll man denn Leid anderen verständlich machen, wenn nicht durch Emotion? Außerdem ist diese Ärztin auch eine Frau, sie muss das doch verstehen! Aber anscheinend können Frauen miteinander sehr unbarmherzig sein!“ „Wusstest Du übrigens, dass Frauen, wenn ihnen eine Brust entfernt wird, eine Psychologin zur Verfügung gestellt bekommen?“ „Nein, das wusste ich nicht. Das ist gut. Aber warum wurde uns diese Hilfe nicht angeboten? Ist denn eine Kastration nicht viel schlimmer für Körper und Seele?“ „Mir sagte man nur, ich sei jetzt halt psychisch überlagert!“ „Weißt Du, der Herrgott hat einen großen Fehler gemacht! Er hätte die Eierstöcke aus den Brustwarzen herauswachsen lassen und die Gebärmutter zwischen die Beine hängen sollen, wie die Hoden bei Männern! Aber da man diese Organe nicht sieht, glaubt man anscheinend, sie seien unwichtig.“ „Aber den Magen zum Beispiel, sieht man ja auch nicht, und kein Mensch käme auf die Idee, ihn als unwichtig einzustufen!“ „Warum, um Gottes Willen, glauben Frauen selbst, dass ihre Geschlechtsorgane nicht wichtig sind, dass man sie einfach durch Medikamente ersetzen könne? Warum lassen sie das alles mit sich machen?“ „Frag mich bitte etwas Leichteres! Wir wussten ja selbst vor unserer Kastration rein gar nichts über die Wichtigkeit unserer Geschlechtsorgane für unsere Gesundheit!“ „Warum lehrt man uns das alles nicht schon als Mädchen? - Warum darf Kastration an Frauen durchgeführt werden ohne mitzuteilen, dass es um Kastration geht? - Warum sprechen Frauen nicht über die Folgen der Kastration öffentlich? Warum kämpfen sie nicht?“ „Viele kastrierte Frauen, denke ich, schämen sich die Wahrheit zu sagen!“ „Warum konnten uns unsere Mütter davor nicht beschützen?“ „Ich habe keine Ahnung, keine Erklärung dafür!“

 

Am Abend ihres 43. Geburtstags wird ihr klar, dass sie nun schon 2 Jahre als kastrierte Frau lebt, und dass sich an dieser grausamen Tatsache bis zu ihrem Tod nichts mehr ändern wird. Genau genommen ist ein Teil von ihr bereits vor 2 Jahren gestorben. Draußen regnet es noch immer in Strömen. Sie setzt sich an den Computer und schreibt ihrer Leidensgenossin: „Warum werden wir so behandelt? Wir haben doch niemandem etwas zu Leide getan!“ Ihre Freundin antwortet noch am selben Tag: „Du fragst nach dem Warum? Weil wir gutgläubig und naiv waren und Frauen über 35 sind!“ „Ich denke, wir werden etwas tun müssen! Jetzt gilt es gegen den Strom zu schwimmen und dieses Tabu zu brechen! Das ist nun unsere Pflicht als Mütter!“ „Du hast ja so Recht, für uns ist es zu spät, aber unseren Töchtern darf das unter keinen Umständen widerfahren...“